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Etwas verspätet, aber dennoch interessant: Hier gibts den inhaltlichen Aufruf des Antifaschistischen Jugendbündnis zum Kicken gegen Rechts Jubel, Trubel, Heiterkeit - die WM macht “deutsch“ Die WM 2006 ist im vollen Gange! Das Megaevent geht Spiel um Spiel voran und zieht alle in seinen Bann. Niemandem war die monatelange mediale Vorbereitung entgangen, die eine regelrechte Massen-Hysterie auslösen sollte. Und heute ist sie durch Deutschland-Fähnchen aller Variationen an jeder denkbaren Ecke und durch die dazugehörigen Fans, die eifrig das „neue Wir-Gefühl“ zelebrieren, unübersehbar. Deutschland steht wieder im Mittelpunkt und ein neuer Nationalstolz scheint von allen geschichtlichen und menschlichen Bedenken bereinigt zu sein. Da es hierbei längst nicht mehr nur um Fußball geht oder darum wie einfach sich Leute durch eine allumfassende Werbemaschinerie zu treuen Fans verwandeln lassen, lohnt es, den nationalen Wahn genauer unter die Lupe zu nehmen. Die WM bedeutet weitaus mehr als einige zweifellos schön anzusehende und technisch erstklassige Fußballspiele. Woher rührt das neue „Wir-Gefühl“, wessen Interessen nützt es und gibt es überhaupt auch nur einen logischen Grund, warum man stolz auf ein Land sein sollte?
‘National-Wahn 2006’ Im Fernsehen und in Zeitungen wird es wie eine Erleichterung dargestellt, endlich könne man wieder stolz sein auf sein Land. Sogleich gibt es Bücher, Abendshows etc., die sich dem Thema annehmen und einen „gesunden Patriotismus“ predigen. Schließlich dürfen die anderen europäischen Länder das auch. Abgesehen von der „Wiedervereinigung“ 1989 war die Stimmung lange nicht so gut wie jetzt, um Nationalismus wieder salonfähig zu machen. Vom „neuen Wir-Gefühl“ und davon, dass man sich nicht mehr für sein Land schämen sollte, ist quer durch die Presselandschaft die Rede. Schließlich präsentiere sich Deutschland ja als hervorragender Gastgeber beim weltgrößten Fußballereignis. Das dieses „Wir-Gefühl“ auch immer ein „die Anderen“ einschließt, scheint niemanden zu beunruhigen. Sportliche Großereignisse wie die WM waren schon immer identitätsstiftend und können maßgeblich zu einer nationalistischen Stimmung beitragen. Wie dieser Nationalismus jeweils aufgefasst wird, ist unterschiedlich. Würde man alle Leute mit einem Deutschland-Wimpel am Auto nach ihrer Intention dabei befragen, wären die Antworten wohl sehr verschieden. Den einen mag es nur um den Fußball gehen, andere identifizieren sich mit „ihren“ Jungs aus „ihrem“ Land und wieder andere würden wahrscheinlich beginnen vom Stolz auf ihr Vaterland zu schwafeln. Auch wenn es vermutlich die wenigsten sind, bei denen der Nationalismus auf eine offen völkische oder rassistische Weise ausgelegt wird und konsequent auf Angreifen oder Ausgrenzen aller „Anderen“ hinausläuft, so beinhaltet er doch immer Parallelen dazu. Die Frage, wer „deutsch“ oder „nicht deutsch“ ist, spielt immer eine Rolle. Ob über Blut und Boden definiert oder über die Staatsbürgerschaft. Zudem stellt Nationalismus immer einen Anknüpfungspunkt für Nazis dar, die eine derartige Grundstimmung leicht aufnehmen können und darin eine Bestätigung ihres faschistischen Weltbildes sehen. Wie sich eine solche Stimmung entladen kann, zeigten die rassistischen Pogrome Anfang der 90er Jahre (Rostock, Mölln, Hoyerswerda usw.), wo der allgemeine „Deutschland-Taumel“ nach der Übernahme der DDR, dazu führte, dass der Nazi-Mob unter dem Jubel der nationalistisch aufgeheizten Menge tagelang Flüchtlingsunterkünfte angreifen konnte.
Doch auch die neuere, moderne Art des Nationalismus, die heute populär ist und sich in den letzten Jahren entwickelt hat, ist eine höchst unangenehme Angelegenheit. Angefangen mit den Debatte um eine deutsche Leitkultur, in der definiert werden sollte, was „deutsch“ oder „nicht deutsch“ ist, über die Schaffung eines imaginären Kollektivs durch „Wir sind Papst“ bis „Du bist Deutschland“ breitet sich ein vermeintlich zeitgemäßer Nationalismus aus. Doch auch dieser, nach dem z.B. auch jemand mit dunkler Hautfarbe (zumindest sofern der richtige Pass in der Tasche steckt) „deutsch“ sein kann und es zum guten Ton gehört sich „gegen Nazis“ zu äußern, erfüllt eine mehr als fragwürdige Funktion in der Gesellschaft.
“Die Standort-Gemeinschaft“ In Zeiten, in denen zahlreiche Verschlechterungen von Lebens- und Arbeitsbedingungen durch z.B. die weitere Verschärfung von Hartz IV, der Lockerung des Kündigungsschutzes, der Verlängerung von Arbeitszeiten und der Zahlung immer geringer Löhne usw. anstehen, kommt Staat und Wirtschaft ein neues „nationales Bewusstsein“ gerade recht. Damit die Leute Reformen, Verschärfungen und allerlei Dinge mitmachen, die für sie eigentlich nur Verschlechterung ihrer Lebenslage bedeuten, sollen sie durch ein „Wir-Gefühl“ hinter der Nation in Stellung gebracht werden. Die Interessen von Staat und Kapital, des „Standort Deutschland“, werden zum Gemeinwohl erklärt, mit dem sich identifiziert und an dem fleißig mitgearbeitet werden soll. Das dieses Gemeinwohl letztlich nichts damit zu tun hat, dass es der Masse wirklich besser geht, sondern im Gegenteil, viele zu Gunsten höherer Unternehmensprofite ärmer werden, scheint für niemanden eine Rolle zu spielen. Nationalismus ist eins der wirkungsvollsten Schmiermittel, damit die lohnabhängige Bevölkerung auch unter fiesesten Arbeitsbedingung für „ihren“ Standort im globalen Konkurrenzkampf als billige Arbeitskraft fungiert. Und es scheint zu wirken, denn gerade die, denen es am schlechtesten geht, sind oft noch eine Prise „stolzer“ als der Rest. Die WM lässt also nicht nur durch Fan-Artikel, den Einzelhandel insgesamt oder Sponsoren- und Werbegelder die Kassen der Wirtschaft klingeln. Zugleich liefert der mit ihr verbundene nationale Hype die Ideologie zur Verzichtsmentalität á la „Gürtel enger schnallen“ und die eigenen Interessen werden schnell denen der deutschen Unternehmen untergeordnet. Der eigentliche Gewinner der WM steht längst fest: Die Wirtschaft, die ihre Rekordgewinne weiter steigert und daher die zahlungskräftige Welt gerne zu Gast bei „Freunden“ hat. Und auch der Staat weiß die WM für sich zu nutzen. Im Eiltempo werden Gesetze verschärft, das Grundrecht beschnitten und totale Überwachung eingeführt. Ob der Inlandseinsatz der Bundeswehr, DNA-Schnell-Tests, Ausgangssperren oder der Ausbau der Fußball-Stadien und Innenstädte zu Hochsicherheitszonen, sind alles Dinge, die schon lange geplant waren, für die bisher jedoch die passende Gelegenheit zum Durchsetzen fehlte. Der angebliche Schutz vor Terroranschlägen oder Hooligans, die das riesige Volksfest während der WM stören könnten, war dar ein willkommener Anlass. Bei all dem verwundert es auch nicht mehr, dass in der Politik bis in höchste Gremien über Fußball diskutiert wurde und Trainer Jürgen Klinsmann beinahe im Bundestag vorsprechen sollte, wie er Deutschland zum Erfolg führen will. Alle scheinen fest an den Erfolg von Deutschland zu glauben und identifizieren sich mit „ihrem“ Land. Ob im Fußball, ohne nur einen Ball auf dem Platz selbst geschossen zu haben oder in der Standort-Konkurrenz, ohne auch nur irgendeinen Vorteil vom kapitalistischen Reichtum zu haben. Wer täglich seine Arbeitskraft an die Besitzer und Verwalter von Produktionsmitteln verkaufen und von dem immer bescheideneren Löhnen sein Leben fristen muss oder gar erwerbslos ist, hat keinen vernünftigen Grund seine eigenen Interessen mit denen des „Standorts“ oder „der Nation“ gleich zusetzen. Nationalismus nützt einzig der herrschenden Klasse, welche die Verwertung des Kapitals im nationalen Rahmen organisiert und die lohnabhängigen Menschen als arbeitsfreudige und anspruchslose Manövriermasse braucht, die sich mit dem Projekt ihrer eigenen Ausbeutung identifizieren. Für die lohnabhängige Klasse gibt es also keinen vernünftigen Grund, wieso man auf das Stück Erde in dem man zufällig geboren wurde oder in dessen Besitz eines Passes man gelangt ist, stolz sein sollte. Jede Grenze und Nation in der Welt ist konstruiert und bringt nur denen etwas, die auf der Jagd nach immer höheren Profiten die ArbeiterInnen verschiedener Länder in Konkurrenz zueinander setzen. Der nationale Wahn rund um die WM mag zwar in dieser Form mit dem Ausscheiden der deutschen Elf sein Ende finden, aber die Debatten um das neue „Wir-Gefühl“ und ein neues nationales Kollektiv werden noch lange nachwirken.
‘Der Nationalismus ist eine Kinderkrankheit, quasi die Masern der Menschheit’ Albert Einstein Wir wollen raus aus der Zwangskollektivität einer Nation! Nationalismus ist eine rückständige Ideologie, die einzig der besseren Spaltung und Verwertung der ausgebeuteten Massen nützt. Wir wollen uns nicht gegeneinander ausspielen lassen, sondern über alle Grenzen hinweg, für eine andere, solidarische Zukunft wirken. Dies ist nur mit internationaler Solidarität möglich, wenn wir weltweit gemeinsam um die Befreiung von den Zwängen des Kapitalismus kämpfen, in dessen Geschäftswelt die meisten Menschen nur als Kostenfaktor in der Produktion betrachtet und einzig steigende Profite für Fortschritt gehalten werden. Nationalismus und Rassismus produzieren dabei nichts anderes als Unterdrückung und stehen jeder Weiterentwicklung der Menschheit im Weg und gehören daher weder in Sport, Medien noch Kultur, sondern endgültig auf den Trümmerhaufen der Geschichte.
Mit dem „Kicken gegen Rechts“ wollen wir im Kleinen beweisen, das Fußball an sich nur ein spaßiger Sport ist für den es einen Ball braucht, der mit Leistungsdruck, Verwertung und Nationalstolz herzlich wenig zu tun haben kann. Also kommt zum ersten antirassistischen Fußballturnier in Braunschweig. Kickt Nationalismus, Rassismus und Kapitalismus! Die Grenzen verlaufen nicht zwischen Voelkern, sondern zwischen Klassen! Antifaschistischen Jugendbündnis |